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"Vom Jagdgatter zum initialen Dauerwald"

Exkursion im Lainzer Tiergarten

Freitag 15.Oktober 2021 - Lainzer Tiergarten (Hermesvilla)

Eigentümer: Stadt Wien, verwaltet durch den Forst- und Landwirtschaftsbetrieb der Stadt Wien (Ltg. DI Hannes Berger)

Ein historisch bedeutsamer Ort in Wien schreibt seine neue Geschichte. Der 2.450 ha große Lainzer Tiergarten ist ein einzigartiger Naturraum am Rande der Millionenstadt Wien, geprägt von uralten Bäumen, Totholzreichtum und einer abwechslungsreichen Natur- und Kulturlandschaft. Die sich daraus ergebende hohe Biodiversität und das zahlreiche Vorkommen bedrohter Tier-, Pflanzen- und Pilzarten sind höchst schützenswert.

Der "Thier- und Saugarten" zu Laab im Walde ist seit 1457 überliefert, in dem der Kaiserhof sein Jagdrecht ausübte. Die den Lainzer Tiergarten in der Vergangenheit geprägte Jagdtradition widerspricht den derzeitigen und zukünftigen Zielsetzungen als Naturschutz- und Erholungsgebiet.

Aufgrund dieser Tatsache wurde in einem partizipativen Prozess ein neuer zukunftsorientierter, tierschutzgerechter und ökologischer Weg im Wildtiermanagement vereinbart und ab diesem Zeitpunkt konsequent umgesetzt. Daraufhin startete die Überführung in eine Dauerwaldbewirtschaftung.

Die Stadt Wien verpflichtet sich zur nachhaltigen Sicherung sämtlicher Ökosystemleistungen ihrer Wälder. Auch in Zeiten der Zukunftsherausforderungen Klimawandel, Einschleppung invasiver Arten und zunehmender Urbanisierung. Durch die Entwicklung und Umsetzung von Prinzipien einer auf Resilienz und Naturnähe fokussierten Bewirtschaftung soll dies gewährleistet werden. Hierbei wird stark der Fokus auf die Produktionsgrundlage Boden gesetzt.

Vom Jagdgatter zum Dauerwald

Bericht von Georg Frank und Nastasja Harnack

Die heutige Funktion des Lainzer Tiergartens als Naturschutz- und Naherholungsgebiet von Wien ist weit entfernt von dessen ursprünglichen Zweck als kaiserliches Jagdrevier. Dass die stummen Zeugen aus damaliger Zeit immer weniger auffallen, verdankt der Tiergarten einem ganzheitlichen Managementkonzept des Forst- und Landwirtschaftsbetriebes der Stadt Wien (MA 49). Im Zuge der Pro Silva Regionaltagung im Oktober 2021 begab man sich mit Hannes Berger, dem Leiter der Forstverwaltung Wienerwald, auf Spurensuche.

Im 15. Jahrhundert erstmals als Wildpark erwähnt, begann die Geschichte des Lainzer Tiergartens als Jagdrevier des Wiener Hofes. Im 18. Jahrhundert wurde er dann vom Baumeister Phillip Schlucker mit einer über 20km langen Mauer eingefriedet und so für das Wild weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Die damaligen Dumpingpreise vom „armen Schlucker“ beeinflussen bis heute das Budget der Wiener Forstverwaltung: die Billig-Bauweise ohne Fundamentierung der nunmehr denkmalgeschützten Mauer verschlingt regelmäßig bis zu € 1.200,- pro Laufmeter an Wiederherstellungskosten.

Erst mit dem Ende der Monarchie im Jahr 1918 endete auch der ursprüngliche Zweck des Tiergartens, was aber nicht bedeutete, dass die Jagd nicht mehr eine bestimmende Rolle spielte. Nach dem 1. Weltkrieg gab es ein gesteigertes Interesse an billigen Baugründen für Kriegsgeschädigte und damit Begehrlichkeiten an der Fläche. Jedoch wurde von den zahlreichen geplanten Bauprojekten glücklicherweise nur eines wirklich realisiert: die Friedenstadt an der Hermesstraße. Im Jahr 1941 wurde das restliche Gebiet des Tiergartens als Naturschutzgebiet ausgewiesen.

Ökosystemleistungen gefragt

Die Stadt Wien verpflichtet sich zur nachhaltigen Sicherung sämtlicher Ökosystemleistungen ihrer Wälder. Auch in Zeiten der Zukunftsherausforderungen Klimawandel, Einschleppung invasiver Arten und zunehmender Urbanisierung. Durch die Entwicklung und Umsetzung von Prinzipien einer auf Resilienz und Naturnähe fokussierten Bewirtschaftung soll dies gewährleistet werden. Hierbei wird stark der Fokus auf die Produktionsgrundlage Boden gesetzt.

Zum Beispiel wäre ohne die umliegenden Waldflächen der Stadtbereich von Wien signifikant wärmer. Die Kühlleistung eines Hektars Buchenwald in den Sommermonaten entspricht in etwa 360 Monoblock Klimageräten mit 2500 W Leistung. Das grundlegende Ziel der MA49 ist damit vor allem auf die Aufrechterhaltung der Wohlfahrtswirkung des Waldes fokussiert und wird deshalb auch berechtigterweise aus Steuermitteln finanziert. In Anbetracht dieser großen Verantwortung kann der Forstbetrieb also anders wirtschaften und setzt hierbei auf innovative Ansätze.

„Im Lainzer Tiergarten hat man sich nur im Gatsch bewegt.“

Diese Überlagerung des forstlichen Nutzens durch das andauernde Jagdinteresse hat am Wald deutliche Spuren hinterlassen: abgeäste Bestände bar jeder krautigen Vegetation mit scharf ausgeprägter Fresskante in Äserhöhe, fehlende Waldsäume und ein fataler Zustand des Bodens waren die Zustände, mit denen sich die MA49 bis in die 2000er Jahre konfrontiert sah. Ein Umdenken in der Art der Bewirtschaftung erfolgte durch eine Protestkampagne des Vereins gegen Tierfabriken (VGT) im Jahr 2015. Trotz Widerständen aus der Jagdszene kam es zum „Grünen Tisch“ mit dem Verein, um gemeinsam die Frage nach der Zukunft des Waldes und des Wildes im Lainzer Tiergarten zu erörtern. Das Ergebnis eines ehrlichen Bemühens war ein 5-Jahres-Plan, primär ausgerichtet auf den Zustand und die Entwicklungsmöglichkeiten des Waldökosystems.

Es stellte sich heraus, dass alternative Methoden der Wildstandsregulierung wie z.B. über Immuno-Kontrazeption nicht umsetzbar waren. Die gezielte Bejagung von Reh- und Schwarzwild blieb als alternativlos bestehen. Rotwild gibt es im Lainzer Tiergarten nicht mehr, von den Dam- und Muffelwildrestbestände löst man sich ebenso. Fütterungen wurden aufgelassen, die Bejagung nur noch als Einzelansitzjagd durchgeführt und seit 2021 ist kein Jagdgast mehr zugelassen. So hat sich die Jagd-Strategie im Lainzer Tiergarten um 180 Grad drehen können mit bereits sichtbaren Auswirkungen auf das sich erholende Ökosystem.

Der unterirdische Wald

Die substanzielle Änderung der jagdlichen Bewirtschaftung war im Lainzer Tiergarten die Voraussetzung für einen Systembruch in der waldbaulichen Strategie. Erst nach der Einführung des neuen Wildtiermanagements  beginnt die konsequente Überführung der Waldbestände in Dauerwald. Neben Einzelbaumnutzung, der Nutzung der biologischen Automation und der Berücksichtigung der Multifunktionalität des Ökosystems Wald bedeutet dies auch den Boden zu bewirtschaften und zu pflegen. Dies beginnt in einer verantwortungsvollen Forstwirtschaft bereits bei der Planung der Rückegassen, denn schon das erstmalige Befahren des Waldbodens verursacht die größten und oftmals irreversiblen Schäden. Ungeplantes, flächiges Befahren von sensiblen Böden kommt aufgrund der unumkehrbaren Verdichtung einem ökologischen Totalschaden gleich. Warum ein geschädigter Boden mit einem produktiven, gesunden Wald unvereinbar ist, wird dann offensichtlich, wenn man sich näher mit dem Edaphon und dessen Symbiose mit den Bäumen beschäftigt. Ein Baum kann nur existieren, wenn die vielen kleinen Mikroben und Pilze im Boden mit ihm zusammenarbeiten, indem sie beispielsweise die Oberfläche seiner Wurzeln vergrößern (Mykorrhiza und der die Feinwurzel umgebende Biofilm). Nährstoffe sind meist erst durch die biochemische Aktivität der Mikroorganismen pflanzenverfügbar.  Ihr Lebensraum ist ein Boden mit einem ausreichenden Porenvolumen, in dem sich Wasser und Nährstoffe anreichern können. Die Forstverwaltung Wienerwald bemüht sich um weitgehend bodenschonende Rückemethoden, z.B. durch Pferde oder ferngesteuerte Kleinstraupen und vor allem durch eine konsequente Nutzung eines geländeangepassten, dauerhaften Rückegassen-Netzes in einem Mindestabstand von 40m. Das zusätzliche Mulchen gewährleistet ihre Dauerhaftigkeit und bietet zusätzliche Äsungsflächen für das Wild.

Totholz lohnt sich

Extremereignisse wie die ausgeprägten Hitzesommer der vergangenen Jahre erfordern neue Strategien, um das Kleinklima im Wald auszugleichen und so die beeinträchtigte Verjüngung zu fördern. Ausschlaggebend war die Beobachtung, dass die meisten Keimlinge im Schatten von liegenden Totholzstämmen die trockenen und heißen Zeiten überlebten. Totholz fungiert also gleichzeitig als Wasserspeicher, Klimaanlage und Verbissschutz für die jungen Bäume und „füttert“ zusätzlich den Boden mit frischem organischem Material. Diese geschaffene funktionale Vielfalt im Wald ist ein Stützpfeiler für die Resilienz (Erholungsfähigkeit nach Störungen), die man im Hinblick auf den laufenden Klimawandel und dessen Auswirkungen dringend benötigt. Das Belassen von Totholz im Wald lohnt sich auch finanziell – Hannes Berger rechnet vor, dass das Abzopfen bei Buche ab dem ersten Starkast betriebswirtschaftlich sinnvoll ist, weil die Manipulation des Brenn- und Faserholzes der Kronen durch mehrmalige Fahrten negative Deckungsbeiträge bewirkt. Darüber hinaus bewirkt das Belassen der Kronen im Bestand ökonomische und letztlich auch ökologische Vorteile, da das zurückgelassene Ast- und Zweigholz am meisten Nährstoffe beinhaltet und der Boden weniger belastet wird.

Risikostreuung durch genetische Vielfalt

Erkenntnisse aus der Epigenetik gewinnen zunehmende Bedeutung, die man umzusetzen versucht. Die Frage, ob und inwiefern Umweltreize bestimmte Gene ein- und ausschalten können, ist noch wenig untersucht. Mutterbäume geben ihren Sprösslingen eine genetische Grundausstattung mit, die aber von den herrschenden äußeren Bedingungen beeinflusst werden. Dieser Mechanismus kann auch im Waldbau, insbesondere im Klimawandel, entscheidend sein. Dabei ist eine ständig vorhandene Verjüngung aus allen Jahrgängen die Grundvoraussetzung. Keimlinge aus Trockenjahren haben das Potenzial trockenstressresistenter zu sein als andere und so eine zukunftsfitte Baumgeneration zu begründen.

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